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Biographisches

Wie kaum eine andere Biographie spiegelt die Franz Fühmanns die Umbrüche und Widersprüche des 20sten Jahrhunderts.

Fühmann wurde am 15.01.1922 in Rochlitz an der Iser (heute: Rokytnice nad Jizerou) als Sohn eines Apothekers geboren. 1932 trat er in das Jesuitenkonvikt Kalksburg bei Wien ein, absolvierte weiterhin seine Schulausbildung in Reichenberg (heute: Liberec) und Hohenelbe (heute: Vrchlabí), wurde 1936 Mitglied des sudetenfaschistischen Deutschen Turnvereins und trat 1938 der Reiter-SA bei. 1939 erfolgte seine freiwillige Meldung zur Wehrmacht, in die er 1941, nach der Matura, eingezogen wurde. Fühmann geriet 1945 in sowjetische Gefangenschaft, während derer es ein Jahr später zur Abkommandierung in die Antifa-Zentral-Schule nach Noginsk bei Moskau kam, wo Fühmanns intensives Marxismus-Studium begann. Ähnliche Schulen in Rjasan und Ogre waren weitere Stationen innerhalb der nächsten vier Jahre.

1949 entschied sich Franz Fühmann für das Territorium der DDR als Lebensbereich (Mutter und Schwester hatte es bereits dorthin verschlagen), wo er zunächst bis 1958 als NDPD-Funktionär tätig war. Von da an arbeitete er als freischaffender Schriftsteller und Nachdichter, letzteres vorrangig im Bereich der Lyrik (dort v.a. aus dem Tschechischen und Ungarischen), nachdem die Quelle des eigenen lyrischen Schaffens versiegt war (einen Abschluß dieser Periode bildet der Band „Die Richtung der Märchen“ von 1962).

Seine Arbeiten der 50er Jahre spiegeln das Pathos des sozialistischen Neubeginns, Werke wie „Die Nelke Nikos‘“ oder „Die Fahrt nach Stalingrad. Poem“ entstehen.

Zeit seines Lebens schrieb Fühmann für Kinder (und im Dialog mit diesen): Bücher wie „Vom Moritz, der kein Schmutzkind mehr sein wollte“ (1959) oder „Die Suche nach dem wunderbunten Vögelchen“ (1960) bilden hier einen Beginn.

In den späteren Texten rückt die Verarbeitung der Vergangenheit aus Sicht der unschuldig-schuldhaft in die Nazi-Verbrechen verstrickten jungen Generation in den Vordergrund, so in „Das Judenauto“ (1962) oder „König Ödipus“ (1966).

In den Texten der 70er Jahre erfolgt eine stärkere Hinwendung zu Mythos und Phantasie, Traum und Sprachspiel, so z.B. im Sprachspielbuch „Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel“ (1978). Einen bedeutenden Teil im Gesamtwerk nimmt bei Fühmann die Essayistik ein, wofür an dieser Stelle Titel wie „Das mythische Element in der Literatur“ (1975) und „Fräulein Veronika Paulmann aus der Pirnaer Vorstadt oder Etwas über das Schauerliche bei E.T.A.Hoffmann“ (1979) stehen sollen.

letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in Märkisch-BuchholzDie eigentliche Wende im Leben Fühmanns charakterisiert jedoch sein Ungarn-Tagebuch „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“ (1973), mit dem er selbst seinen „Eintritt in die Literatur“ ansetzt.

Nach- und Neuerzählungen sowohl für Kinder als auch Erwachsene wie „Das Nibelungenlied“ (1971) oder „Prometheus – Die Titanenschlacht“ (1974) sind wesentliche Bestandteile des Fühmann‘schen Werkes.

Alptraumhafte Negativutopien kennzeichnen den Erzählband „Saiäns-Fiktschen“ (1981). Die Rezeption der Lyrik Georg Trakls zeigt einen neuen Höhepunkt fühmann’scher Auseinandersetzung: In „Vor Feuerschlünden“/ Ost („Sturz des Engels“/West, 1982) beschreibt Fühmann in nahezu manischer Intensität den Versuch, sich von jeder ideologischer Doktrin zu befreien. Durch seine Haltung als unbestechlicher und doch unbeirrt am Sozialismus festhaltender Kritiker der oft kleinlichen Kulturpolitik der DDR war Fühmann bis zu seinem Tod am 08.07.1984 ein wichtiger Förderer (Uwe Kolbe, Wolfgang Hilbig) und eine Instanz für die junge Autorengeneration in der DDR.